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Die Mittelstufe - eigentlich ein Verlegenheitsbegriff für etwas zwischen einem Anfang und
einem Ende, andererseits die Bezeichnung für den Mittelabschnitt der höheren und zum Stu-
dium führenden Bildung. Sie beginnt an der höheren Schule nach der Erprobungszeit und
endet mit dem ersten schulischen Abschluss (Fachoberschulreife bzw. mittlere Abschluss).
Organisatorisch bleibt manches beim Alten, so die Kombination von durchgehenden und
im Jahresrhythmus wechselnden Fächern. Doch auch Neues kommt hinzu: neue
Fächer Physik, eine weitere Wahl eines Schulfachs, zentrale Lernstandserhebungen, die Religions-
mündigkeit und damit die Entscheidung über die Teilnahme am Religionsunterricht, ein er-
weitertes AG-Angebot und Exkursionen und Fahrten, bei denen neben dem Gemeinschaftser-
lebnis der Bildungscharakter stärker hervortrifft.
Lernmethodisch wird vor allem höhere Selbstständigkeit erwartet, die sich nicht nur bei den
verordneten Formen des Lernens, dem Unterricht und den Hausaufgaben, zeigen sollte. Ent-
sprechend spielt die Vermittlung von Methoden eine größere Rolle als bisher. Wichtig werden
auch das Training längerer Konzentrationsphasen und die Bereitschaft, Lernen auch bei
schwierigeren Inhalten "durchzustehen". Zudem rückt eine fächerübergreifende und fächer-
verbindende Perspektive stärker in den Vordergrund (Excel-Projekt von Politik und Informatik etc.)
Mit diesen Veränderungen, aber auch aufgrund des allgemeinen Lernfortschritts wird die
Notwendigkeit individueller Förderung immer deutlicher. Besondere Begabungen suchen
nach Entfaltungsmöglichkeiten, während Defizite häufig erst jetzt sichtbar werden. Dies ver-
dient besondere Beachtung, denn zum Beispiel eine Vernachlässigung individueller Stärken
kann leicht zur Gewohnheit werden und spätere Herausforderungen unattraktiv machen. Für
Manchen eröffnet sich nun erst der Einstieg in systematische Lernarbeit, da es bisher mög-
licherweise auch ohne ging. Insgesamt ist Lernen in der Mittelstufe nicht "schwerer" oder
"mehr", sondern eher anders als früher.
Wichtig ist es, diese Veränderung der Anforderungen nicht als Leistungsdruck, sondern als
ein Betreten von Neuland und als Wachstumsmöglichkeit aufzufassen. Denn die Fähigtkeiten
und Erfahrung wachsen ja mit und die Feststellung, schon eine Menge geschafft zu haben,
macht zuversichtlich, auch in Zukunft viel selbst bewirken zu können. So mag beispielweise
der Abschied vom kindlichen Denken mit seinem klaren und runden Weltbild unsicher ma-
chen, doch gleichzeitig wird es nun interessant und aufregend, mit neuen Denkansätzen andere
Seiten der Welt und ihrer Vielfalt zu entdecken.
Auf dem langen Lernweg spiegelt sich diese Vielfalt vielleicht am besten in der Mittelstufe
der allgemeinbildenden Schule wider, wo sich der Fächerkanon breit entfaltet, ohne die
Schwerpunktentscheidungen der Oberstufe zu fordern. Und ein möglichst großes Maß an
Vielfalt ist ein guter Rahmen für die Entwicklunsaufgaben, die zwischen Kindheit und Er-
wachsenwerden anstehen: die eigene Identität und ein tragfähiges Selbstkonzept entwickeln
und aus der Gemeinschaft mit Gleichaltrigen positive Kräfte schöpfen.
Hierbei sollen die Grundlinien unserer pädagogischen Arbeit in der Mittelstufe helfen. Uns ist
wichtig, Respekt zu vermitteln und entgegenzubringen, auch und eben Vorläufigem und Aus-
probierendem, und es liegt uns am Herzen, Vertrauen wachsen zu lassen und mit Transparenz
von Erwartungen und Entscheidungen zu Klarheit in einer mitunter turbulenten Lebensphase
beizutragen. Eine echte Beschäftigung mit den einzelnen Lernenden, zu der auch kritische
Auseinandersetzung und das Austragen von Konflikten gehören kann, die Förderung von Lust
am Arbeiten und Schaffen und ein Lernklima, in dem auch Humor eine Rolle spielt, sind wei-
tere Prinzipien, von denen wir überzeugt sind.
Vielleicht lässt sich unsere Auffassungen von der Lernzeit in der Mittelstufe in Anklang an
Saint-Exupéry zusammenfassen: Willst du lernen, stelle nicht die Uhr, sortiere nicht deine
Notizen und drucke nicht Google-Treffer aus, sondern träume von der Freiheit, einmal tun zu
können, was du willst.
Bernd Müller, Mittelstufenkoordinator
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